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Exkursion Wittenberg + Dessau (26.-27.08.2016)


Fachexkursion Planerinnen Braunschweig in Lutherstadt Wittenberg, Besichtigung UBA in Dessau-Roßlau, Stadtrundgang autofreie Stadt Piesteritz, Stadtrundgang Wittenberg Cranachhöfe, Schlosskirche, Stadtkirche, gemütlicher Ausklang am Elbufer



Die Werkssiedlung Wittenberg-Piesteritz

Entwurf und Sanierung als gebautes Lehrbuch

Wenn man die Lutherstadt Wittenberg besucht, lohnt sich auf jeden Fall ein Abstecher zur Siedlung Piesteritz an der Straße nach Dessau:

Im 1. Weltkrieg bauten die „Bayrischen Stickstoffwerke“ die „Reichs-Stickstoff-Werke“in Piesteritz, um hier trotz einer englischen Blockade Dünger und Sprengstoff herzustellen. Für die rund 2000 aus Bayern stammenden Beschäftigten errichtete der Staat direkt neben dem Chemiebetrieb eine Werkssiedlung.

Der Architekt Otto Rudolf Salvisberg aus Berlin gestaltete den Komplex nach dem Vorbild englischer und deutscher Gartenstädte sehr abwechslungsreich mit viel Grün. Die rund vierhundert Reihenhäusern unterschiedlicher Größe für Arbeiter und Angestellte, mit Gärten für die Selbstversorgung, hatten innen liegenden Toiletten und fest installierten Badewannen. Dazu gab es ein „Damenheim“, ein Haus für Junggesellen, einen zentralen Platz mit Kauf- und Vereinshaus (heute Gaststätte mit Hotel), Rathaus, Schule und eine katholische Kirche.

In der DDR erklärte man die Werksiedlung zum Baudenkmal. Nach der Wende wurde die „Bayernwerk AG“ Rechtsnachfolger des Stickstoffwerks. Für die Siedlung versuchte die Treuhand den Denkmalstatus aufzuheben, um die Wohnungen einzeln zu veräußern. Die Verunstaltung des Gesamtbildes und die Vertreibung von Mietern wäre die Folge gewesen.

In einer beispiellosen Gemeinschaftsaktion des Bauhauses Dessau, der Stadt Wittenberg, des Landes Sachsen-Anhalt, der Bayernwerk AG als Träger, des Münchener Architekten Fritz Hubert und der Bewohnern gelang die Rettung: Eine gemeinsame Wohnungsgesellschaft, sozialverträgliche und denkmalgerechte Erneuerung, größte autofreie Siedlung Deutschlands, EXPO-2000-Projekt!

Ziel war es, den historischen Eindruck wiederherzustellen und die Häuser mit Wärmedämmung von Keller und Dach, Fernwärme, behutsamer Modernisierung der Raumaufteilung und Dachgeschossausbau für heutige Verhältnisse attraktiv zu machen. Größere Mieterwechsel konnte man vermeiden, und durch Carports am Außenrand der Siedlung die Autos weitgehend aus dem Inneren verbannen.

Nach der Jahrtausendwende der Rückschlag, die Werksiedlung wird doch zum Spekulations-Objekt: Die „Bayernwerk AG“ kommt zum Energieriesen „E.ON“. Der verkauft die Siedlung an  Frankfurter Immobilien-Haie. Daraufhin gibt es weniger Investitionen, man spricht von „Sanierungsstau“. Ein Teilpaket geht an ein Immobilien-Management aus New York über. Jetzt bleibt nur die Hoffnung, dass die ganze Siedlung irgendwann in kommunale Hände kommt.


Text: Wibke Ihlenburg-Dreessen, 12.10.2016